ANMERKUNG:
Diese Erinnerungen an meine Kindheit waren eigentlich nicht für das Internet
gedacht, aber sie sind ein Stück Zeitgeschichte und es könnte sein, dass sich
jemand dafür interessiert. Der Länge wegen war dieser Beitrag zuerst nur als Zip-Datei vorgesehen, aber wer entzipt schon, wenn
er nicht weiß, ob es lohnt. Ganz
uninteressant ist es anscheinend nicht, denn eine
"Abteilung" der Uni Wien hatte neben anderen meiner
"Machwerke", auch an diesem Beitrag Interesse. Auch
meine Gedanken zum Alter gehörten dazu. Ich war jedoch nicht
gewillt, außer meinem Einverständnis zur Veröffentlichung auch
noch einige Fragebögen mit meinem und dem detaillierten
Lebenslauf meiner Eltern auszufüllen! Es gibt nichts zu verbergen, es geht mir
eigentlich nur um das Prinzip! Was hat der Lebenslauf meiner Eltern mit einer
Aufnahme in die Analen der Universität Wien und einer
Veröffentlichung zu tun?
MEINE KINDHEIT. (1938-1952) ..Den Link zur Zip-Datei findet man am Schluss dieses "Romans".
Ich wurde im April 1938 in
Wien geboren. In einer Geburtsklinik in Gersthof, einem eleganten
Villenviertel. Da die meisten Wiener Bürger kaum die Chance
hatten, jemals in einem Villenbezirk zu wohnen, wollte ihnen die
Stadtverwaltung, in dessen Besitz sich die Klinik befand,
wenigstens das Privileg einräumen, ihre Kinder dort zur Welt
kommen zu lassen. Also auch ich wurde dort geboren und laut
Aussage meiner Frau Mama war ich das schönste Baby, das dort in
den letzten 10 Jahren zur Welt kam. Nach einigen Tagen wurden
dann meine Mutter und ich von meinem stolzen Vater abgeholt und
mit dem Schienentaxi der Linie 41 nach Hause in die Josefstadt,
dem 8.Wiener Gemeindebezirk gebracht. Auch dort soll ich bei
meinem Eintreffen große Bewunderung ausgelöst haben. Aber
nachdem mich einige Tage lang die Hausbewohner ausgiebig
beliebäugelt und betätschelt hatten, kehrte wieder Ruhe ein und
wir konnten ein normales Familienleben führen. Ich muss aber
erwähnen, dass ich dies alles erst später von meiner Mutter
erfahren hatte. Ich selber kann mich nicht mehr daran erinnern.
Es ist mir überhaupt alles entfallen, was vor meinem ersten
Geburtstag passiert ist und dies kam wie folgt.
Eines Tages, das genaue Datum weiß ich leider nicht, gab es ein
kleines Erdbeben, das aber ausreichte, um Gegenstände, die auf
Kästen standen, herunterfallen zu lassen. Leider auch eine
damals schon alte Pendeluhr, die dummerweise genau über meinem
Gitterbett hing. Sie hätte den Sturz auf das weiche Bett
sicherlich gut überstanden, wenn sich nicht mein Kopf zwischen
dem Haken der Uhr und dem Kopfkissen befunden hätte. Trotzdem
überstanden beide, Uhr und Kopf dieses Ereignis relativ
unbeschadet. Das Wort relativ bezieht sich auf einen kleinen
Sprung im Glas vor dem Pendelkasten und auf mein Gedächtnis, das
nur mehr die Gegenwart und Zukunft zur Kenntnis nahm. Dies als
kurze Erklärung. Alles, was ich ab jetzt erzähle, zumindest das
meiste davon, habe ich selber und wissentlich erlebt.
Meine Mutter war Schneiderin und sorgte daher großzügig für
die Umhüllung meines Körpers. Aber sie nähte auch fleißig
für andere Leute und besserte damit das Familienbudget auf.
Obwohl mein Vater ganz gut verdiente, er war ein Nachkomme der
berüchtigten Zunft der Steuereintreiber, konnten wir das
zusätzliche Geld gut gebrauchen. Ich war inzwischen schon, ich
glaube 15 Monate alt geworden und gut auf den Beinen. Zu gut für
den Geschmack meiner Mutter. Angeblich hatte ich das Gehenlernen
ausgelassen und begann nach dem Stehen-können sofort zu laufen.
Da ich zusätzlich auch sehr abenteuerlustig war und gerne und
vor allem plötzlich auf Erkundigung ausging, musste meine Mutter
ständig hinter mir herrennen. Jetzt hätte ich fast eine
Kleinigkeit vergessen. Als ich ein Jahr alt war, wurde
Österreich an das Großdeutsche Reich angeschlossen und hieß
nun Ostmark. Wir waren also jetzt Ostmärker. Der
"Führer" hatte schon etwas früher, als ich seine
Abenteuerlust entdeckt und war mit seinen Soldaten in Polen
einmarschiert. Es war der Beginn des zweiten Weltkrieges. Einige
Zeit später platzte dann in unser Familienglück die
freundliche, aber bestimmte Aufforderung an meinen Vater, sich zu
den Fahnen zu melden. Er hatte die Ehre, mit einigen anderen
tausend Tornister-Touristen nach Russland reisen zu dürfen.
Sogar vollkommen gratis. Die zu Hause gebliebenen Frauen und
Ehegattinen durften aber via Radio, Fernsehen gab es damals bei
uns noch nicht, den Weg ihrer Männer, die von Sieg zu Sieg
eilten, mitverfolgen und wurden dadurch auch selbst angespornt,
durch erhöhte Arbeitsleistung beim Gelingen dieses Feldzuges
mitzuhelfen. Sie durften sogar ihren Schmuck und andere
Wertgegenstände dem "Reich" zur Verfügung stellen und
konnten somit für die Versorgung ihrer Männer mit Waffen und
Munition auch ihr Teil beitragen. Der das Vaterlandsbewußtssein
stärkende Ausspruch "Gold gab ich für Eisen" ist mir
auch noch in Erinnerung geblieben. Da sich aber
"unsere" Gegner doch nicht so rasch geschlagen gaben,
wie der Führer gedacht hatte, wurde speziell der Bedarf an
Buntmetall immer größer. So wurde dann also auch Hausrat aus
Messing und Kupfer eingezogen und durch eisernen ersetzt. Noch
heute ziert meine Altertumssammlung ein gusseiserner Mörser mit
der Aufschrift "Durch Krieg zum Sieg. 1914-1917". Oh
pardon, das war ja schon 30 Jahre früher im ersten Weltkrieg.
Also war der glorreiche Führer gar nicht der Erfinder solcher
Sammelaktionen. Der Krieg, der so vielversprechend für das
"Tausendjährige Reich" begonnen hatte, zog sich aber
wider Erwarten in die Länge. Doch nicht genug damit. Die Gegner
hatten sich inzwischen nicht nur auf wundersame Weise vermehrt,
sie hatten sogar noch die Vermessenheit, zurückzuschlagen! Eines
Tages tauchten ihre Flugzeuge am blauen Himmel unserer Heimat
auf. Wer hätte gedacht, dass diese Hinterwäldler überhaupt
solche besaßen! Sie konnten sogar damit umgehen und ließen uns
ihre Bomben nur so um die Ohren sausen. Das Leben in der
Wienerstadt wurde langsam ungemütlich. Nachdem dann ein Bombe
auch unser Haus gestreift hatte und uns im Keller der Mörtel auf
die Köpfe fiel und man im Staub nicht mehr als vier, fünf Meter
sehen konnte, machte meine Mutter im wahrsten Sinne des Wortes
das, was man heute als Stadtflucht bezeichnen würde. Mit dem
Notwendigsten in Koffern und Schachteln fuhr sie mit mir dorthin,
"wo Ferien noch Ferien sind", also nach
Niederösterreich. In einen kleinen Ort (Dörfles) bei Ernstbrunn. Also in
die weitere Umgebung von Mistelbach. Zu Mistelbach möchte ich
noch kurz etwas anführen. Diese Gemeinde, inzwischen wurde sie
zur Stadt erhoben, besitzt, ich glaube noch bis heute, ein
interessantes Privileg. Es stammt wahrscheinlich noch aus der
Kaiserzeit. Aus welchem Grund auch immer, die Stadtväter dürfen
jedenfalls aus ihrem Bestand an Jungmännern für den Nachwuchs
der Wiener Polizei sorgen. Ähnlich also wie die Schweizer Garde
im Vatikan zu Rom. Die Bezeichnung "Mistelbacher" für
die Wiener Polizisten war aber nicht gerade als Kompliment
gedacht! Wir wohnten bei einer netten Kleinhäusler-Familie,
heute würde man Nebenerwerbskleinbauern-Familie dazu sagen.
Familie mit Einschränkung, denn der Mann war natürlich
ebenfalls eingezogen worden. Sie hatten zwei Buben und somit
hatte ich gleich zwei Spielgefährten. Der ältere der beiden war
etwas älter als ich und wir verstanden uns auf Anhieb so gut, dass die berühmten Fetzen flogen. Aber wir rauften uns im
wahrsten Sinne des Wortes zusammen. Nur gab es furchtbare
Kommunikationsprobleme. Wir verstanden nur wenig von dem, was der
andere sagte. Ein Streitgespräch sorgte noch jahrelang für
Unterhaltung unserer beiden Mütter. Im Garten entdeckte ich eine Kröte. "Schau, eine Göte" meinte ich und er
verbesserte mich sofort: "Des is a Glot." "Nein
eine Göte", "Na des is a Glot". Und dies ging so
eine Zeitlang hin und her. Aber als gelehriger Schüler hatte ich
seine Sprache bald erlernt und beherrschte sie fast besser als er
selbst. Ich wurde auch bald, wenn auch mit zum Teil mit
tatkräftiger Unterstützung meines Freundes, in den Kreis der
männlichen Dorfjugend aufgenommen. Die dazu nötigen Prüfungen,
wie weitspucken, weitpinkeln, Krötenfangen und einiges mehr
hatte ich mit Auszeichnung bestanden. Als ich dann auch noch
meine ersten Hiebe von einer Bäuerin wegen dem stehlen von
Weintrauben bekommen hatte, war ich ein vollwertiges Mitglied.
Ich glaube, das war die schönste Zeit meiner gesamten Kindheit.
Der Ort besaß überhaupt alles, was ein richtiger Bub brauchte.
Wiesen, Wälder, einen kleinen Berg, ein in der Nähe
befindliches Schloss und sogar einen kleinen Teich. Dessen
dunkelgrünes Wasser teilten sich mit uns aber auch Karpfen und
jede Menge Kröten. Das Wasser war dermaßen schmutzig, dass man
beim tauchen maximal zwei Meter Sicht hatte. Zum schwimmen
brauchte man auch eine eigene Technik. Mit weit nach vorne
ausholenden Handtempi mussten wir immer erst die
"Grodnheidln", den Krötenlaich zur Seite schieben.
Aber trotzdem war es traumhaft für uns Buben. Vor allem das
Tauchen machte großen Spaß. Wir tauchten hinunter auf den Grund
und tasteten, sehen konnte man ja nichts, mit den Händen im
tiefen Schlamm nach dort verborgenen Schätzen. Fast alles gab es
da. Verrostete Radfelgen, ganze Fahrräder, Kochtöpfe, Flaschen
und vieles mehr. Nicht nur einmal zerschnitten wir uns Hände und
Füße an Scherben. Aber was soll´s. "Was ein richtiger Bub
ist, der steckt das weg, wie nichts!"
Einige Male fuhren meine Mutter und ich mit dem Zug nach Wien,
besuchten dort zurückgebliebene Verwandte und holten immer ein bisschen was aus der Gott sei Dank verschont gebliebenen Wohnung.
Einmal, auf der Rückfahrt, es war gerade in Korneuburg, wurde
diese Stadt bombardiert. Mit Volldampf versuchte der Lokführer
den Zug aus dem Gefahrenbereich zu bringen und verließ den
Bahnhof. Auf einem Feld blieb er stehen und alle sprangen aus dem
Zug und warfen sich auf den Boden. An das eigenartige Pfeifen der
schräg vom Himmel fallenden Bomben und das darauffolgende
Krachen der Detonationen kann ich mich noch gut erinnern, an
manches andere nur mehr etwas schemenhaft. Dann krachte es auch
in unserer unmittelbaren Umgebung und dann Schreie, Weinen und
Blut. Sehr viel Blut. Nun kommt einer dieser
Erinnerungsaussetzer. Jedenfalls waren wir alle in der
Bahnhofshalle und wurden versorgt. Meine Mutter und ich waren
aber zum Glück unverletzt geblieben. Dem Zug direkt war nichts
passiert und nach einiger Zeit konnten wir unsere Fahrt nach
Ernstbrunn fortsetzen.
Später fuhren wir auch noch ein oder zwei Mal mit einem alten
Bauern mit dem Pferdewagen nach Wien und holten wieder Sachen
heraus. Aber auch zu Fuß mit einem kleinen Leiterwagerl machten
wir diese Tour. Kann man sich heute fast nicht mehr vorstellen.
Sechzig Kilometer zu Fuß und wieder zurück. Inzwischen war ich
nun schon sechs Jahre alt geworden und besuchte in Ernstbrunn die
Volksschule. Da ich alleine schon das Wort "Schule"
nicht mag, übergehe ich nähere Einzelheiten. Der Weg zur Schule
dauerte rund eine halbe Stunde. Im Sommer eine Kleinigkeit, im
Winter, damals gab´s für Buben noch keine langen Hosen, nur
kurze Hosen und mit Strumpfbandhaltern hochgehaltene
Zwirnstrümpfe, war es mitunter ganz schön huschi. Auch nass,
vor allem in den Schuhen, weil wir durch den tiefen Schnee
stapfen mussten. In immer kürzer werdenden Abständen wurden wir
nun schon von feindlichen Flugzeugen überflogen und auf dem Weg
zur und von der Schule tat man gut daran, auf den Himmel zu
achten. Der berühmte "Kuckuck" aus dem Radio, warnte
vor herannahenden Flugzeugen. An ein Ereignis kann ich mich noch
gut erinnern. Nach so einem Kuckucksruf begaben wir uns in einen
nahegelegenen Weinkeller, der von der Ortsbevölkerung als
Luftschutzkeller eingerichtet worden war. Tische, Bänke, Sessel,
usw. Ungefähr 5 Minuten Wegzeit. Irgend etwas hatten mein Freund
und ich aber vergessen und wir liefen zurück. Kaum waren wir
beim Haus angelangt, tauchten russische "Tiefflieger"
auf und schossen auf uns. Eine der beiden Eingangstüren war aber
Gott sei Dank etwas zurückgesetzt und in dieser Nische suchten
wir Schutz. Dann nichts als zurück zu unseren besorgten Müttern
im Keller. Ich glaube, in dieser Zeit haben alle gebetet. Auch
solche, die es vielleicht schon verlernt hatten. Nach der
Entwarnung gingen wir wieder zurück zum Haus. Aber immer öfters
hörten wir aus dem Radio, dass auch die russischen Bodentruppen
immer näher kamen und dann tauchten eines Tages die ersten
zurückweichenden deutschen Soldaten auf. Zwei Tage später war
dieser kleine, entlegene Ort zur heiß umkämpften Front
geworden. Im Weinkeller suchten wir nun Schutz vor den Granaten
des Feindes. Die wenigen noch übrig gebliebenen deutschen
Soldaten bezogen mit einem Maschinengewehr Stellung auf einem
Hügel, gleich neben unserem Keller und immer abwechselnd kamen
sie herunter, um nach uns zu sehen und um sich kurz zu erholen.
Sie kämpften im wahrsten Sinn des Wortes bis zum letzten Mann.
Ich werde niemals vergessen wie ein Soldat herunterkam und sagte, dass jetzt nur mehr er selbst und noch ein zweiter Soldat
übriggeblieben waren . Er verabschiedete sich von uns, auch im
Namen seines Kameraden und ging wieder nach oben. Einige Zeit
später war das Gewehrfeuer verstummt, aber niemand getraute sich
hinaus, um nachzusehen. Dann tauchte der erste russische Soldat
mit dem Maschinengewehr im Anschlag im Keller auf und unserer
aller Angst ist kaum zu beschreiben. Aber dieser Stoßtrupp hielt
sich nicht lange auf. Sie durchsuchten den Keller nach deutschen
Soldaten und Waffen und zogen wieder weiter. Wir konnten nun
sogar wieder in unsere Häuser zurückkehren. Aber dann kam die
Hauptmacht der Russen und diese Soldaten hatten schon wesentlich
mehr Zeit, sich uns zu widmen. Ich bin mir nicht ganz sicher,
aber ich glaube, der Krieg war zu diesem Zeitpunkt schon zu Ende.
Diese russischen Soldaten waren samt und sonders sehr nett, vor
allem aber hilfsbereit. Die Dorfbewohner hatten alles, was etwas
wertvoller war, vorsorglich versteckt und vergraben und mitunter
so gut, dass sie es selber nicht mehr finden konnten. Die
russischen Soldaten halfen uns aber unaufgefordert beim Suchen
und hatten zumeist Erfolg. Aus Angst, das diese Wertgegenstände
vielleicht doch noch in falsche Hände fallen könnten, behielten
sie diese zur Sicherheit gleich selber. Und ständig fragten sie
uns nach "Ura, ura??!!" Anfangs wussten wir nicht, was
dieses Wort bedeutet. Es hieß soviel wie Uhr. Sie waren ganz
verrückt nach Uhren. Diese russischen Soldaten mussten ein
hervorragendes Gehör gehabt haben! Sie fanden jede versteckte
Uhr, sogar jene die nicht einmal aufgezogen waren. Manche
Soldaten hatten ganze Arsenale von Taschen- und Armbanduhren bei
sich. Von letzteren trugen sie sogar vier bis fünf Stück auf
jedem Arm. Es dürfte der russischen Armee aber in unserer
Ortschaft gefallen haben, denn sie blieben. Und sie blieben
lange. In unserem Haus quartierte sich sogar der Oberst mit
seiner "Dienerschaft" ein. Folgendes sage ich nun im
vollsten Ernst und ohne jede Zweideutigkeit. Dieser Oberst war
ein wirklich netter und sympathischer Mann. Uns Kinder verwöhnte
er, als wären wir seine eigenen. Wobei aber alle russischen
Soldaten äußerst kinderliebend waren. Wir wurden mit essen und
Geschenken förmlich überhäuft. Jetzt beim schreiben dieser
Zeilen denke ich nach, ob wir eigentlich gewusst hatten, welchen
Zivilberuf "unser Oberst" hatte. Wenn ja, dann haben
wir es, sowohl meine Mutter, als auch ich vergessen.
Nun wieder etwas weniger ernst. Die Soldaten wollten aber nicht
nur uns Kinder verwöhnen, sie wollten es auch bei der weiblichen
Dorfbevölkerung so halten. Ich weiß bis heute nicht, was sie
den Frauen schenken wollten, aber jedenfalls rannten die Frauen
immer weg, wenn ihnen einer der Soldaten zu nahe kam. Aus lauter
Gram über diese schnöden Abweisungen begannen sie sich zu
besaufen und dann ging die wilde Jagd erst richtig los. Manchmal
befanden sich mehr Frauen im Wald, wo sie sich versteckten, als
im Ort selbst. Nicht nur einmal verbrachte ich die ganze Nach mit
meiner Mutter im Wald. Wenn es die Soldaten aber zu arg trieben,
griff der Oberst oft mit eiserner Härte und sogar mit gezogener
Waffe durch. Das ist Tatsache. Genau so Tatsache, wie das
Nachfolgende!
Einer der betrunkenen Russen hatte die Gärtnerstochter
vergewaltigt. Als der Oberst am nächsten Tag davon erfuhr, wurde
der Täter an einem Seil hängend, mit dem Kopf voran in einer
Jauchengrube ertränkt! Von da an hatten die gemeinen Soldaten
weit mehr Angst vor ihrem Oberst, als früher die Frauen vor den
Soldaten. Die Frauen und Mädchen wurden jetzt wirklich in Ruhe
gelassen und das Leben in der kleinen Ortschaft normalisierte
sich wieder, soweit man diese Zeit der Besetzung und das Fehlen
der Männer und Väter als normal bezeichnen kann. Für uns
Kinder war es aber eine wirklich schöne Zeit. Wir wurden von den
Soldaten verzärtelt und beschenkt und erst viel später begriff
ich so richtig, wie sehr diesen Männern ihre eigenen Familien
und vor allem ihre Kinder gefehlt haben müssen. Noch eine
Vorliebe hatten die Russen. Fahrräder. Wobei aber keiner von
ihnen damit fahren konnte. Das schildern des versuchten Erlernens
des Radfahrens würde alleine schon eine ganze Schreibseite
füllen. Irgendwo hatten sie sich funkelnagelneue Fahrräder
"besorgt". Wenn es so manchem einfach nicht gelingen
wollte, im Sattel zu bleiben, warf er es zu unserer Freude
wutentbrannt zur Seite und es wurde von uns annektiert. Meine
Mutter hatte in der Zwischenzeit auch schon ihre Angst vor den
Russen abgelegt und zeigte so manchem resolut die Zähne. Eine
Begebenheit dokumentiert dies anschaulich. Ein Soldat schob eines
dieser neuen Fahrräder an unserem Haus vorbei und meine Mutter
ging einfach hin zu ihm. "Das mein Rad!"
Widerspruchslos überließ er es ihr. Ihr mutiges und resolutes
Auftreten den Soldaten gegenüber trug ihr bald einen Spitznamen
ein. "Mama nix is gut". War aber nicht böse, sondern
eher nett und anerkennend gemeint. Sie wurde wirklich von allen
geachtet. Dazu fällt mir heute auch etwas zu der Behandlung der
Russen ein. Es gibt da gewisse Parallelen zwischen den russischen
Soldaten von damals und von Hunden. Wenn sich einem ein Hund
kläffend in den Weg stellt und man ihm zeigt, dass man keine
Angst vor ihm hat, oder es zumindest nicht merken lässt und
vielleicht auch noch beruhigend auf ihn einredet, wird er mit
größter Wahrscheinlichkeit mit dem Schwanz wedelnd auf einen
zukommen. Bei den Russen war es genau so. Das "wedeln" muss man natürlich ausklammern! Hinter dem Haus befand sich ein
kleiner Hof und hinter diesem, durch ein Gatter getrennt eine
Wiese und ein kleiner Stall für Kaninchen und Gänse. Eines
Tages befand sich dort angebunden eine Kuh. Damit hatte ein
unbekannter Spender auch für unseren Bedarf an Milch gesorgt.
Aber auch wir Kinder bekamen ständig neue Geschenke. Einen
großen Zweiradler mit Vollgummirädern, damals eine Attraktion,
Kinderbücher, Spielsachen und vieles mehr. Sogar einen
Fotoapparat bekam ich geschenkt. Eine Agfa Box, mit der ich noch
Jahre später fotografiert hatte. Dann überreichte mir einer der
Soldaten auf der Straße einen ganzen Schinken, den ich fast
alleine nicht tragen konnte. Mit einem Wort wir waren zur zweiten
Familie für diese Soldaten geworden. Nun hätte ich fast meine
erste Zigarette vergessen. Einer der Soldaten überließ mir eine.
Er fertigte sie sogar extra für mich an. Ein Stück
Zeitungspapier zu einem kleinen schmalen Stanitzel (Tüte)
gedreht, den Tabak hineingeleert, etwas zusammengedreht und dann
im Munde angezündet. Sie nannten diese Form der Zigarette
"Machorka". Für die Richtigkeit der Schreibweise kann
ich keine Garantie geben. Ich bekam sofort einen Hustenanfall,
der sich gewaschen hatte. Aber trotzdem machte ich noch zwei oder
drei weitere Züge. Ich wollte doch ein richtiger Mann sein! Der
Soldat bekam fast einen Lachkrampf und schlug sich mit den
Händen auf die Schenkel, wie ein alpenländischer Schuhplattler.
Aber dann hatte ich wirklich genug und überließ ihm mehr als
gerne den Rest. Aber das dicke Ende kommt noch! Mir wurde
schlecht, und wie mir schlecht wurde! Mehr taumelnd, als gehend
rettete ich mich in den Hof zum "Plumpsclo". Und dann wusste ich wirklich nicht, was ich zuerst über das
ausgeschnittene Loch halten sollte. Den Mund, oder das ganze
Gegenteil davon. Obwohl ich mir damals vorgenommen hatte, nie
wieder eine Zigarette zu rauchen, bin ich heute trotzdem ein
relativ starker Raucher. Der Soldat hatte diese Flucht aufs
"Häusel" aber noch mitbekommen und als ich es nach
etlichen Minuten verließ, ging er mir entgegen, klopfte mir auf
die Schulter, sagte etwas auf russisch, was nach dem Tonfall eine
Entschuldigung gewesen sein könnte und strich mir sogar über
die Wange. Diese Russen waren, wenn sie nüchtern waren, wirklich
durchwegs nette Menschen! Zumeist waren sie im Privatleben
biedere Bauern, oder Knechte. Und noch ein dazu passender
Nachtrag. Heute eine etwas lustig anmutende Begebenheit, damals
aber etwas weniger unterhaltsam. Viele dieser Soldaten stammten
ja aus den entlegensten Teilen Russlands und waren zum Teil
technisch vollkommen unbelastet. Ein Soldat betrat damals unsere
Küche und blieb fasziniert vor dem Radiogerät stehen. Nach
seiner Gestik zu schließen wollte er wissen, was dies sei. Ich
weiß es nicht mehr ganz genau, aber ich glaube meine Mutter,
schaltete das Gerät ein. Damals gab es noch keine sofort
einsatzbereiten Transistoren. Nur Röhren und diese Röhren
benötigten einige Zeit, um die Betriebstemperatur zu erreichen
und gaben dabei einen Brummton von sich. Erschreckt trat der
Soldat zurück, zog den Revolver und verwandelte unser schönes
Radiogerät in Elektronikschrott. Dies war der Nachtrag.
Aber langsam wurden die russischen Soldaten aus unserer Ortschaft
abgezogen und auch unser Oberst zog aus. Sie übersiedelten in
das nahegelegene Schloss. Meine Mutter und auch andere Frauen der
Ortschaft wurden ebenfalls stundenweise ins Schloss
"gebeten". Sie mussten für das leibliche Wohl der
neuen Schlossbesitzer sorgen. Nach der Schule machte ich den
Umweg über das Schloss und bekam auch dort mein Mittagessen.
Mein Lieblingsgericht war der "Eintopf". Da war alles
drin, was gut und nahrhaft war. Fleisch, Gemüse, Kartoffel,
Rollgerste und weiß der Himmel, was noch alles. Jedenfalls
schmeckte es traumhaft und mir knurrt sogar jetzt noch, wenn ich
daran denke, der Magen! Für uns Buben begann nun wieder eine
neue Ära des Zeitvertreibes. In den Wäldern gab es jede Menge
Abenteuer! Verlassene Bunker, mit noch teilweise vorhandenem
"Inventar" waren ideale Spielplätze. Wenn man mit
offenen Augen durch die Wälder streifte, fand man auch noch
genügend Munition. Mitunter sogar noch komplette Kisten.
Natürlich verschwiegen wir dies vor unseren Müttern und
versteckten unsere Schätze. Immer interessanter wurden unsere
Spiele. Wir brachen mit Zangen die Spitzen (Kugeln) von den
Patronen, leerten das Pulver aus und zündeten es an. Zum Teil
häuften wir auch ein etwas größeres Quantum an Pulver auf,
legten noch trockene Zweige darauf und oben auf noch geschlossene
Patronen. Dann das Pulver anzünden und schleunigst in Deckung
hinter die Bäume. Das ergab ein herrliches Gewehrfeuer. Würde
ich heute aber keinem Buben mehr zur Nachvollziehung empfehlen.
Großes Glück hatten wir aber auch einmal dabei. Das
"Gewehrfeuer" war schon verstummt und trotz unserer
Meinung nach genügend langer Wartezeit explodierte dann doch
noch ein Spätzünder, nachdem wir unsere Deckung verlassen
hatten. Gottlob passierte aber nichts. Weniger Glück hatte aber
Monate später ein anderer Bub des Ortes. Er war der älteste von
uns allen. Wir jüngeren waren gerade schwimmen, da gab es einen
lauten Knall. Eine der doch noch nicht gefundenen und
entschärften Minen im Wald war explodiert und hatte ihm ein Bein
abgerissen. Nun kamen auch schon die ersten Heimkehrer nach
Hause. Einer der ersten war sogar mein Vater. Er war an der Hand
von einem Granatsplitter getroffen worden und noch vor Kriegsende
ins Lazarett gekommen und dadurch entging er der Gefangenschaft.
Der Mann unserer Quartiergeberin zum Beispiel hatte weniger
Glück und kam erst Jahre später aus der russischen
Gefangenschaft zurück.
Nach einigen Wochen übersiedelten wir dann gemeinsam mit meinem
Vater wieder nach Wien. Die zweite Hälfte der zweiten
Volksschulklasse besuchte ich dann schon in der Wiener
Josefstadt. Und jetzt hatte ich wieder das Problem, dass mich
meine Klassenkameraden nur schwer verstehen konnten. Also musste
ich das zweite Mal eine neue Sprache lernen. Nicht genug dessen.
Der achte Gemeindebezirk war amerikanischer Sektor. Auch hier
hatten wir Kinder natürlich engeren Kontakt zur Besatzungsmacht.
Mit den in Niederösterreich erlernten russischen Worten konnte
ich hier natürlich nicht viel anfangen, ich musste mich auf
englisch umstellen. Und noch ein Rückblick. Ich hatte vorhin
schon erwähnt, welch großes Glück wir Buben auf dem Lande beim
spielen mit Kriegsmaterial hatten. Wie groß es eigentlich
wirklich war, habe ich erst Monate später, bei einem Besuch in
der alten Heimat erfahren. Auf unserem Schulweg nach Ernstbrunn
stand ein abgeschossener Panzer und auch eine total verrostete
Panzerfaust. Auf dem Nachhauseweg spielten wir dort immer noch
ein wenig. Als ich dann schon einige Zeit in Wien war,
explodierte angeblich diese Panzerfaust und ein Bub aus
Ernstbrunn wurde getötet.
Aber wieder zurück nach Wien. Noch einiges Neue kam auf mich zu.
Ich hatte noch nie in meinem Leben einen Neger, bitte um
Entschuldigung, einen Schwarzen gesehen. Den ersten Ami dieser
Hautfarbe habe ich dementsprechend überrascht und neugierig
betrachtet. Auch die amerikanischen Auto sahen anders aus, als
jene die ich kannte. Ich tat mir anfangs schwer, aus der
Entfernung festzustellen, wo vorne und wo hinten war. Aber auch
die amerikanischen Soldaten waren nett zu uns Kindern. Es gab
hier zwar keine so große Auswahl an Geschenken, aber Kaugummi,
auch etwas neues für mich, und vor allem Schokolade!!!! Mhhhhhm!! Im Gegensatz zu Ernstbrunn war es mit dem Essen in Wien
nicht so gut bestellt. Heutzutage spricht man gerne vom
Idealgewicht, das man meist nur durch hungern erreichen kann.
Dies war damals sicherlich kein Problem in Wien! Von Fleisch zum
Beispiel konnte man zumeist nur träumen und ohne den in die
Geschichte eingegangen Erbsen und Bohnen, die wir von der
Besatzungsmacht bekamen, wären viele verhungert. Wobei aber diese
Erbsen sehr nahrhaft waren. Das sonst so rare Fleisch war in
diesen reichlich vorhanden. Sogar in noch lebendem und somit
knackig frischem Zustand. Aus Dankbarkeit für diese Zuteilung an
Hülsenfrüchten, wurde damals sogar unsere Bundeshymne
abgeändert. "Land der Erbsen, Land der Bohnen, Land der
vier alliierten Zonen...." Der heute als so gefährlich
eingestufte Schimmelpilz war damals fast fixer Bestandteil
unserer, wenn überhaupt vorhandenen Lebensmittel. Heute wandert
ein ganzer Brotwecken, nur weil er, zumeist aus Mangel an Chemie,
ein kleines grünlich-weißes Fleckchen zeigt, in den Mistkübel.
Ich habe schon den Schinken erwähnt, den mir ein russischer
Soldat überlassen hatte. Eben dieser Schinken war daran schuld, dass ich von meinen Schulkollegen als Lügner bezeichnet wurde.
Kein Kind kannte damals in Wien einen Schinken. Man konnte sich
nicht einmal etwas darunter vorstellen. Aber auf einem noch
teilweise vorhanden Portal einer Fleischerei befand sich ein
handgemaltes Glasschild und darauf die Abbildung eines leckeren
Schinkens! Als ich dann meinen Schulkollegen erzählte, dass ich
genau so ein Exemplar von einem Russen geschenkt bekommen hatte,
hatten sie es mir einfach nicht geglaubt. Apropos Fleischer.
Falls es überhaupt Fleisch gab, konnte man sich´s kaum kaufen.
In der Nähe meiner Großmutter befand sich auch so ein
Fleischerladen und im Hof standen die Abfallkübel. Gemeinsam mit
meiner Großmutter klaubte ich einige Knochen heraus. Es war
Sommer und es war heiß und auch die Fliegen waren hungrig. Aber
trotzdem, die daraus zubereitete Suppe schmeckte herrlich. Damit
meine ich aber nicht die Fliegen, sondern die Knochen. Auch mit
der Bekleidung gab es natürlich Probleme. Im Sommer gingen wir
Kinder fast alle barfuss und solche, die Schuhe trugen, wurden
beneidet bis angefeindet. Jeder Stofffetzen wurde zu Kleidung
verarbeitet. Am besten dran waren jene Leute, welche noch die
Uniform des Vaters, oder Gatten besaßen. Sie wurde sachkundig
auf einen Steireranzug abgeändert. Auch Decken taten gute
Dienste. Nun kam uns wieder der Schneiderberuf meiner Mutter sehr
zustatten. Sie nähte für uns, aber auch für andere Leute. Es
wurde meist nicht mit barer Münze bezahlt, es wurde gegeben, was
man eben hatte und der Andere gebrauchen konnte. Dann kam die
große Chance der Landbevölkerung. Im Krieg gab es den Spruch
"Gold gab ich für Eisen", nun konnte man sagen
"Gold gab ich für Brot, Kartoffel, usw." Bauern kamen
nach Wien und tauschten ihre Produkte gegen Wertgegenstände
jeder Art. Der Schwarzhandel blühte. Der damals größte
Umschlagplatz dafür war der Schwarzenbergplatz. Kein
Schreibfehler, nicht Schwarzhandelsplatz! Auch Zigaretten waren
natürlich rar bis nicht vorhanden. Diejenigen Männer, die auf
dieses Laster nicht verzichten konnten, waren auf das
"Tschik-arrettieren" angewiesen. Das heißt, auf der
Straße liegende Kippen wurden gesammelt, der Tabak daraus
entnommen und mit Hilfe von Seidenpapier wieder zu neuen
Zigaretten "gewutzelt". Damals hatten alle Raucher
dunkelbraun verbrannte Fingerkuppen. Erstens gab es noch keine
Filterzigaretten und zweitens wurden die Tschicks bis zum letzten
Millimeter geraucht. Ganz Gewiegte spießten sie auf Stecknadeln.
Dadurch ersparte man sich die verbrannten Finger. Wir im
amerikanischen Sektor hatten es da relativ gut. Die Amis warfen
meist nur halb gerauchte Zigaretten weg. Die Kinder sammelten sie
natürlich für ihre Väter ein. Manchmal konnten wir auch ganze
Zigaretten von den Amis erbetteln. Aber es gab unter den Amis
auch weniger nette Zeitgenossen. Wir bezeichneten sie als
"Gfraster". Wir gingen ja schon des öfteren neben oder
hinter einem rauchenden Soldaten und warteten auf die Kippe. Und
diese Gfraster ließen sie fallen, sahen uns grinsend an und
zermalmten sie mit den Schuhen. Es gibt eben nicht nur gute
Amerikaner! Ich könnte da sogar noch einige Beispiele dazu
anführen.
Die Russen waren auf Uhren ganz verrückt gewesen, ähnlich verrückt
waren in Wien manche Frauen
und Mädchen auf etwas, was die Amis hatten. Und zwar auf "Nylons". Für diese dünnen
Strümpfe aus Nylon gaben manche Mädchen mehr, als man meinen
würde. Ich denke, so manches der sogenannten
"Besatzungskinder" entsprang dem unbändigen Wunsch
nach Nylons. Man könnte über diese nicht sehr erfreuliche
Periode der Nachkriegszeit noch vieles schreiben.
Langsam aber besserte sich die Lage in Wien und man konnte sich
doch schon hin und wieder etwas kaufen. Mein Vater war in der
Zwischenzeit auch wieder beim Fiskus gelandet. Jetzt waren wieder
die Bewohner des russischen Sektors von Wien im Vorteil. Dort gab
es die sogenannten "USSIA"-Geschäfte mit extrem
billiger Ware. Es war jedoch fast eine Schande, als Wiener dort
einzukaufen. Wenn jemand dort wirklich etwas erstand, trachtete
er nach Möglichkeit, von keinem Bekannten dabei gesehen zu
werden. Ich holte dort zum Beispiel fallweise billige Zigaretten. Selbstverständlich nur stückweise.
Vom Wiederaufbau des zerbombten Wiens konnte man nun langsam auch
schon etwas sehen. Die vielen Ruinen waren je nach
Beschädigungsgrad repariert, zum Teil auch nur provisorisch,
oder abgerissen und neu aufgebaut worden. Trotzdem gab es noch
Jahre hindurch genügend Löcher in den einst geschlossenen
Häuserzeilen. Aber langsam, ganz langsam normalisierte sich das
Leben in Wien. Auch jetzt mache ich (noch) keine näheren Angaben
zu meiner Schulzeit, aber ich wurde Mitglied der Pfadfinder.
Unsere Gruppe, ich glaube, es war die Gruppe 66, wurde
großzügig von den Amerikanern unterstützt. Vielleicht, weil
unsere Hüte denen der kanadischen Rotröcke glichen. Wenn andere
Wiener Gruppen mit der Straßenbahn an den Stadtrand fuhren oder
zu Fuß gingen und von dort aus ihre Ausflüge starteten, so
wurden wir von den Amis im Mannschafts-LKW an Ort und Stelle
gebracht. Auch für die Marschverpflegung wurde großzügig
gesorgt. Sie haben auch verzweifelt versucht, unser Interesse an
Baseball und ihrer Art von Fußball zu wecken. War aber zwecklos. Unser, auch von ihnen
gespendeter Fußball war uns wesentlich lieber, als ihre
komischen Keulen und unrunden Eierlaberln. War aber trotzdem
immer sehr schön. Großen Spaß hatten wir daran, wenn der
farbige Fahrer während der Fahrt plötzlich vom Gas ging und
damit ein schussartiges Zündungsgeräusch erzeugte, das die
Passanten fast aus den Socken hob. Noch etwas aus dieser
Sponsorenzeit durch die Ami ist mir in Erinnerung geblieben. Wir
wurden von den Amerikanern zu einer Weihnachtsfeier eingeladen.
Mir hatte man ein Weihnachtsgedicht auf englisch beigebracht und
ich durfte es auf der Bühne vortragen. Anwesend war auch ein
ganzes hohes Tier, irgend ein General. Was ich zuerst nicht wusste, der General, der in der ersten Reihe saß, war durch eine
Kriegsverletzung erblindet. Dies hatte ich erst bemerkt, als er
die dunkle Brille abnahm um sich die Tränen der Freude oder
Rührung abzuwischen. Mich aber steckte er mit dieser Rührung an
und auch ich auf der Bühne begann zu heulen. Eigentlich eines
Pfadfinders total unwürdig! Jedenfalls machte sich dieses
Gedicht durch eine weitere sehr hohe Spende an die Gruppe
bezahlt. Apropos! Auf der gleichen Bühne, auf der ich damals
mein Gedicht vortragen durfte, brachte einige Jährchen später
die "Löwinger-Familie" die Zuschauer, im Gegensatz zu
mir, zum lachen.
Nun muss ich, wenn auch widerwillig doch auch etwas über meine
Schulzeit schreiben. Aber nur, weil sie eben auch noch zu meiner
Kindheit gehört!
Nach dem Besuch der Volksschule, besuchte ich dem Wunsch meines
Vater entsprechend das Gymnasium. Meine Lernerfolge waren
mittelprächtig. Vielleicht wäre es mir aber mit einem anderem
Klassenvorstand besser ergangen. Wir hatten einen gewisser
Professor ?? (den Namen kenne ich heute noch und werde ihn auch
nie vergessen und wenn ich so alt wie Moses werden würde.)
Jedenfalls war dieser Professor das, was man im Privatleben als
Schinderhannes und beim Militär als "Schleiferplatzek"
bezeichnen würde. Wobei ich sicher bin, dass er es im Krieg
tatsächlich war. Ich hatte den Eindruck, dass er seinen Frust am
verlorenen Krieg an uns Schülern und damit auch an unseren
Eltern ausließ. Zu meinen vielen schlechten Eigenschaften zählt
auch ein extrem ausgeprägter Gerechtigkeitssinn. Ich hasste
diesen Menschen mindestens so sehr, wie er mich und revanchierte
mich, wo es nur möglich war. Auch nach der Schule. Meine
weiteren schlechten Eigenschaften, Ehrlichkeit und Stolz,
bewirkten wieder, dass ich nach der berühmten Frage eines
Lehrers: "Wer war das?" mit vor Stolz geschwellter
Brust aufzeigte und auch noch grinste. Das Ergebnis, war die
Betragensnote 4e . Vier mit Ermahnung hieß dies ausgeschrieben.
Dies war soviel, wie 1/4 5. In Österreich ist 5 die schlechteste
Note. Meine Mutter war verzweifelt! Ich weniger, ich war stolz.
Weil in den letzten fünf oder sechs Jahren hatte das keiner mehr
geschafft und es war eine große Schule mit einigen hundert
Schülern. Ab diesem Zeitpunkt wurde aber das Gymnasium erst
recht zur Hölle für mich! Das Anraten des "lieben"
Klassenvorstandes an meine Eltern, mich aus der Schule zu nehmen,
bevor ich ohnedies daraus "entfernt werden würde",
wurde von meinem Vater abgelehnt. Natürlich zur großen Freude
des Herrn Professor und nun legte er erst so richtig los und er
bekam mich tatsächlich klein! Denn nun hielt ich es selber auch
nicht mehr aus. Meine damalige Aussage, "wenn ihr mich nicht
aus der Schule nehmt, springe ich zum Fenster hinaus" zeigte
dann doch Wirkung bei meinen Eltern. Am Rande vermerkt: Von, ich
glaube fünfunddreißig oder mehr Schülern meiner Klasse,
beendeten sechs, oder sieben auch die achte Klasse!! Jedenfalls,
kam nun der Wechsel in eine "gewöhnliche Hauptschule".
Gar nicht so einfach mit meiner Betragensnote. Meine Mutter ging
regelrecht hausieren mit mir. Endlich wurde ich in einer
Hauptschule im 7.Bezirk huldvoll aufgenommen. Da schulischer
Fleiß ohnedies nicht zu meinen Stärken zählte, war das erste
Jahr genau richtig für mich, denn das was man hier jetzt lehrte,
hatte ich ja alles schon im kleinen Finger. Ich lernte also
"auf Sparflamme". Ich hatte mich an dieses reduzierte
Lernen aber schon so gewöhnt, dass ich versuchte, es auch mit
dem neuen, noch unbekannten Lehrstoff so zu halten. Meine Noten
waren daher auch jetzt nicht unbedingt als hervorragend zu
bezeichnen. Außerdem gab es da noch etwas, was mich überhaupt
immer etwas ablenkte. Es war ja eine gemischte Schule, das
heißt, es gab auch Mädchen in der Klasse und da ich anscheinend
etwas frühreif war, wurde ich zur Sicherheit so bald als
möglich in eine andere Klasse versetzt. Es waren dann beim
Austritt aus der Schule insgesamt drei verschiedene, die ich
besucht hatte. Wobei mich aber eigentlich alle Lehrer gerne
gemocht haben und auch umgekehrt war es so. "Er ist ein
wirklich lieber Kerl und wenn er nur wollte, wäre er auch ein
guter Schüler." Zum Unterschied zum Herrn Professor im
Gymnasium waren sie auch verständnisvoll und fair, vor allem
meiner Mutter gegenüber. Mein Wechsel in eine andere Klasse
wurde immer damit erklärt, dass die Klasse etwas überfüllt sei
und verständlicherweise der zuletzt dazugekommene Schüler das
Opfer sei. Den wahren Grund hatte man meiner Mutter meines
Wissens nie erzählt. Jetzt hätte ich fast auf einen weiteren Versuch meines
Vaters vergessen, aus mir doch noch einen Akademiker zu machen. Nach einem Jahre
Handelsakademie war dann meine Schulzeit endgültig vorbei! Ob es an meinen
Fähigkeiten lag oder nur am fehlenden Ehrgeiz, das weiß ich bis heute noch
nicht! Na ja, das war´s im Großen und Ganzen zu
meiner Kindheit. Langweilig war sie eigentlich nie und bis auf
die Zeit mit dem Herrn Professor Schleiferplatzek war sie auch
schön.
Vor allem dank meiner Mutter, die immer versucht hat, mir zu zeigen was richtig und was falsch, gut und böse ist und bei meiner Erziehung das ideale Mittelding zwischen Strenge und Nachsicht gefunden hat. Auch in meiner darauffolgenden Jugendzeit hat sie es so gehalten. Trotz "langer Leine" (fast) immer unter Kontrolle und nur ja nicht versuchen, allen Unbill vom geliebten Sprössling fernzuhalten. Vor allem ein Junge soll "durch alle Wasser schwimmen", Erfahrung sammeln und sich dann selber den richtigen Weg suchen.
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