Unser Polo
Es
ist zwar schon lange her, aber dank des altzheimerischen
Langzeitgedächtnisses kann ich mich noch sehr gut erinnern!
Meiner Mutter wurde von einer Angestellten ein Hundebaby angeboten und weder sie noch mein Vater konnten bei dem herzigen Kerl nein sagen. Ich war natürlich ebenfalls begeistert! Glattes hellbraunes Fell, dunkle Schnauze, Hängeohren, einen weißen Fleck auf der Brust und riesengroße Tatzen. Er war zwar bestimmt kein Rassehund, auch wenn er einen dunklen Gaumen hatte, angeblich das Merkmal eines Rassehundes! Das Erziehen und die Verpflegung übernahm meine Mutter, weil sie ihn auch ins Geschäft mitnehmen konnte und daher seine Hauptbezugsperson war. Namen hatte er noch keinen und mir wurde erlaubt, einen solchen auszusuchen. Als ich einmal mit meiner damaligen Freundin und ihm im Wiener Prater beim Polospiel zusah, gefiel mir das Wort Polo so gut und mein Vorschlag wurde auch von meinen Eltern akzeptiert. Es war auch ein etwas ausgefallener Name bei dem sich auf der Straße nicht jeder zweite Hund angesprochen fühlte. Unser Polo wurde immer schöner und auch größer und man konnte ihn wirklich für einen Rassehund halten! Eigentlich besaß er Merkmale dreier Hunderassen, aber in sehr gelungener Kombination! Das glatte Fell eines Boxers, aber um eine Nummer zu groß, den Kopf (ausgenommen der Hängeohren) und den Körper eines Schäferhundes und die Lefzen und die wirklich mächtigen Tatzen eines Bernhardiners. Ausgewachsen war er dann fast größer als einer der großen Schäferhunde und ungemein kräftig! Außer mir war ihm in der Familie fast niemand gewachsen und meine Mutter zog sich einmal einen Kniescheibenbruch zu, weil sie die Leine nicht rasch genug los ließ, als er unbedingt auf die andere Straßenseite wollte. Wenn mich meine Freundin mit ihm vom Geschäft abholte, ungefähr 1 km vom Geschäft meiner Mutter entfernt, war sie gezwungen jene Straßen zu benutzen, die Polo sympathisch waren und nicht jene wo es Auslagen zu besichtigen gab! Der Besuch einer Abrichteschule musste aus Zeitmangel wieder abgebrochen werden und das was wir selber zu Stande brachten, ließ in manchen Fällen zu wünschen übrig! Vor allem, wenn er einen Boxer oder einen Schäferhund sah! Vielleicht machte er sie dafür verantwortlich, dass er kein Rassehund geworden war? Noch ein Beispiel seiner Kraft. Bei einem Spaziergang im Wienerwald kam uns ein Mann mit einem wirklich herrlichen Boxer ohne Leine entgegen und ich hatte Mühe, Polo zurück zu halten. „Warum lassen sie ihn denn nicht aus, sie haben ohnedies beide einen Beißkorb und ein wenig austoben kann ihnen bestimmt nicht schaden.“ meinte der Mann, der sich anscheinend der Kraft seines Boxers sicher war. Es dauerte nur wenige Sekunden und sein Prachtboxer lag auf dem Rücken und Polo mit gefletschten Zähnen über ihm. Es sah aus, als ob er sagen würde: "Wenn du dich rührst, mach ich dich alle!" Wäre aber mit Beißkorb nicht gut möglich gewesen. Da hatte es der Mann aber plötzlich sehr eilig, seinen Hund zu befreien und man konnte dem Ehrgeizling deutlich seine Enttäuschung anmerken und mir wahrscheinlich meine Genugtuung!
Aber nach
seinen Flegeljahren wurde Polo wirklich brav, sittsam und war ausgesprochen gutmütig.
Meine Mutter konnte ihn bei trockenen Wetter ohne Leine aber natürlich mit Beißkorb
vor der Geschäftstüre sitzen lassen. Einige Häuser weiter befand sich eine
Schule und auch die vielen Kinder, die täglich an ihm vorbei gingen durften ihn
ohne weiteres streicheln. Aber er blieb nur so lange an seinem interessanten
Sitzplatz, solange er seine Unternehmungslust bezähmen konnte. Er war oft
stundenlang unterwegs, kam aber immer rechtzeitig zum Geschäftsschluss zurück.
Die Orte wo er von Kunden meiner Mutter oder von Bekannten gesichtet wurde waren
oft einige Kilometer weit entfernt. Wir glaubten es anfangs nicht so recht, aber
sein wirklich unverwechselbares Aussehen ließ keinen Zweifel darüber. Einer
meiner Freunde, der mit der Straßenbahnlinie 43 bis zur Endstation Neuwaldegg
gefahren war und von dort aus mit seiner Freundin einen Spaziergang im
Wienerwald machen wollte, sah etwas verwundert Polo ohne Begleitung in der Straßenbahn
und wurde von diesem auch freundlich begrüßt. Bei der Endstelle stieg auch
Polo aus und lief davon. Am Abend rief mein Freund an, fragte ob Polo schon zu
Hause sei und erzählte uns die Geschichte. Dieser Schlawiner sprang also des öfteren
einfach in die Straßenbahn, fuhr damit 30 Minuten bis zur Endstelle, machte im
Wienerwald seine Spaziergänge und fuhr wieder schön brav nach Hause!
Und er liebte, so wie auch ich damals, die Samstag-Vormittage und er wartete
schon immer richtig darauf! Da schob ich im Wohnzimmer die beiden schweren
Polstersessel zur Seite, legte den Tisch mit den Beinen nach oben auf die Couch
und der Teppich war unsere Kampfarena.
Wir rauften, dass die Fetzen flogen und mit einigen Erholungspausen dauerten die
Kämpfe ungefähr eine halbe Stunde lang. Leider gibt es keine Fotos davon und
auch keine, wie wir anschließend beide außer Atem nebeneinander auf dem
Teppich lagen! Ach ja, ich hatte oben vergessen sein kräftiges Gebiss zu erwähnen
und dieses hinterließ meist Spuren auf meinen Händen und Armen!
Nun noch eine
kleine Begebenheit:
Ein Gasthausgarten in Italien und lachende Gesichter wenn ich Polo rief. Der
Kellner klärte mich dann auf. "Ein großes Huhn sie da haben! Pollo (mit
zwei L´s) heißt nämlich auf italienisch Huhn." Einige Tische
weiter saßen Deutsche, die Polo bewundernd betrachteten und sich
augenscheinlich über ihn unterhielten. Dann kam einer von ihnen an unseren
Tisch, meinte wie gut ihnen unser Hund gefallen würde und fragte nach der
Rasse. Ich hatte meinen schelmischen Tag und sagte, Polo sei ein afghanischer
Hühnerhund. Ich hatte aber vor, ihn etwas später über meinen Scherz
aufzuklären, aber nach einem Toilettenbesuch waren sie nicht mehr da. Könnte
sein, dass sie zu Hause angekommen in Tierhandlungen nach einem afghanischen
Hühnerhund gesucht haben!?
Das nun kommende weiß ich nur von Schilderungen meiner Mutter, die es wiederum von Passanten gehört hatte. Polo saß wieder brav vor der Geschäftstüre und ein torkelnder Betrunkener wollte ihn angreifen. Anscheinend hatte Polo was gegen Betrunkene und ließ es diesem auch knurrend merken. Das wieder ärgerte den Mann und er trat nach Polo und traf ihn am Bein. Einige Tage lang humpelte der arme Kerl, dann wurde es wieder besser, aber nach einigen Monaten wurde es wieder schlechter und er hatte allem Anschein nach große Schmerzen. Der Tritt hatte einen Tumor ausgelöst und Polo musste mit 7 1/2 Jahren eingeschläfert werden. Der Tierarzt, er muss sein Praktikum bei einem Fleischer gemacht haben (Näheres erspare ich mir und dem Leser), kam zu uns ins Geschäft und meine Mutter und ich waren dabei und Polos Blick habe ich mein Leben lang und bis heute nicht vergessen!
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