
Der Weihnachtskarpfen
Es war Ende der Vierziger-Jahre des vergangenen Jahrhunderts und die Leute hatten noch keine elektrischen Eiskästen. Es gab nur
1 Meter lange Eisblöcke, die man aber auch halbiert vom "Eismann" ins Haus geliefert bekam.
Heute kennt man den "Eismann" nur als Speiseeisverkäufer und meist
auch nur mehr aus Filmen. Es war keine leichte Arbeit, die schweren Blöcke auf
der Schulter einige Stockwerke hinauf zu tragen, denn Lifte gab es damals fast
noch keine. Die Schulter hatten sie mit einem großen Lederlappen gegen die
Nässe geschützt und ein Jutesack verhinderte das abgleiten des Blockes. Aufbewahrt wurde das Eis in kleinen mit Blech ausgeschlagenen Kästchen. Die Zeit war schlecht und meistens hatte man ohnedies nicht viel, was man kühl halten hätte müssen. Milch, Butter oder Schmalz hielt man unter fließendem Wasser frisch.
Meine Eltern hatten aber keinen dieser Eiskästen. Dies als Einleitung und zum leichteren Verständnis.
Damals gehörte in Wien der Karpfen genauso zum Weihnachtsfest wie der Christbaum und niemand wollte darauf verzichten. Aber das Angebot war knapp und man musste sich beeilen, noch rechtzeitig ein schönes Tier zu bekommen. Ich weiß nicht mehr, mit welchem Gefäß es mein Vater geschafft hatte einen noch lebenden Karpfen nach Hause zu bringen, aber
eine Woche vor Weihnachten hatten wir einen neuen Mitbewohner. Die Badewanne wurde zum Karpfenteich umfunktioniert und das Prachtexemplar von einem Fisch wurde zu meinem Spielgefährten. Ich durfte ihn mit
Brotstückchen füttern und er kam auch immer gleich zum Wannenrand um sie abzuholen. Aber auch ohne Fütterung hatte er nichts gegen ein wenig Streicheln. Der heilige Abend rückte immer näher und damit auch sein
Ende.
All mein bitten und betteln half nichts und er wurde am 24. Dezember ins Jenseits befördert. Ich weinte bittere Tränen und hatte am Abend kein
einziges Stückchen davon gegessen und auch die Geschenke, die mir das Christkind gebracht hatte, konnten mich nicht fröhlicher stimmen. Ich musste immer an meinen verlorenen Spielgefährten denken, der von der Familie verspeist worden war! Jedenfalls habe ich bis zum heutigen Tag noch keinen Karpfen gegessen!
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