DAS ZIMMER DER ALTEN DAME. (Ein Stilleben in Worten.)

Schon beim Öffnen der Türe empfing mich dieser eigenartige, undefinierbare Geruch, der meist nur Räumen mit alter Einrichtung eigen war. Vielleicht lag es aber auch an der Gewohnheit deren Bewohner, die Räume nicht sehr ausgiebig zu lüften. Außerdem roch es hier auch leicht nach Lavendel und dies erinnerte mich an die Wohnung meiner verstorbenen Großmutter, die aber immer etwas verschwenderisch mit diesem Kraut umging. Fast in jeder Lade, in jedem Kastenregal lag so ein kleines Lavendelsträußchen. Jetzt fiel mein Blick sofort auf den herrlichen Kachelofen in der Ecke links neben der Türe. Ein wahres Prachtstück! Der dunkelgrüne Kamin war über und über mit stilisierten Blumen und Ranken verziert und wurde in drei Abstufungen nach oben zu immer schmäler. Ganz oben lag auf vier Säulen eine ebenfalls reich verzierte Kugel. Die drei verchromten Türen des Kamins waren alleine schon eigenständige Kunstwerke. Die reliefartig herausgehobenen Motive zeigten einen Meeresgott mit Dreizack umgeben von drei Nixen und einigen Fischen, die mit ihren weitaufgerissenen Mäulern eher kleinen Meeresungeheuern glichen. Die gleichen Motive fanden sich auch in dem herrlichen Ofenvorsatz. Die furchterregenden Fische bildeten hier die vier Beine des Vorsatzes. Dieser wirklich einmalige Kachelofen musste schon zur Zeit seiner Entstehung sehr wertvoll gewesen sein. Auch die reiche Stuckdecke wies darauf hin, dass die einstigen Mieter nicht ganz unbemittelt waren.
Es fiel mir direkt schwer, meinen Blick von diesem Prunkkamin loszureißen, aber in diesem Raum gab es noch einiges mehr, um das man den Bewohner beneiden konnte. An der linken Wand stand eine Biedermeierkommode in herrlicher Einlegearbeit mit vergoldeten, wenn auch schon etwas matten ziselierten Griffen und Schlüssellochabdeckungen. Obwohl dieses Möbel sicherlich sehr wertvoll war, hatte ich ähnliches schon bei Händlern gesehen. Aber die Vase, die darauf stand, war wieder so ein Einzelstück, welches das Herz eines Liebhabers zum Höherschlagen bringen konnte. Der blaue, auf vier kleinen Beinen stehende mit roten Rosen und grünem Blattwerk verzierte runde Sockel trug eine, auf den Kopf gestellte an den Seiten etwas schmälere Pyramide. Die beiden Henkel waren aus ineinandergeschlungenen Blättern gebildet und zogen sich vom oberen Vasenrand bis hinunter zum Sockel. Der Oberteil der Vase hatte wieder dieselbe indigoblaue Farbe, wie der Sockel und trug die gleichen Blatt- und Rosenmotive. Nach oben hin wurden sie immer größer und die dünnen Blattspitzen neigten sich oben nach innen und verengten so damit wieder etwas die Öffnung. Alle Konturen des Blattwerkes und der Blüten waren mit Gold nachgezogen und bekamen dadurch einen herrlichen Kontrast zum blauen Untergrund. Bei der Betrachtung dieses Kunstwerkes musste ich unwillkürlich daran denken, wie lange der, oder die Schöpfer daran gearbeitet haben mussten.
Zwei weitere Raritäten standen links von der Vase. Kerzenleuchter, deren matte, schwarzglänzende Oberfläche so aussah, als seien sie absichtlich mit Ruß und Fett behandelt worden. Sie stellten jede für sich einen Kranich dar, der bis ins kleinste Detail genau nachgebildet war. Jede Feder, jede Sehne der langen Beine, jede Hautfalte der bekrallten Füße war genauest herausgearbeitet. Einfach phantastisch mit welcher Genauigkeit diese beiden Vögel nachgebildet waren. Den Hals weit nach oben gereckt und den Schnabel weit geöffnet. Im Schnabel hielten sie eine Schlange, die sich im Todeskampf zusammengerollt hatte und damit die Vertiefung bildete, in der die Kerze steckte. Irgendwie kam mir bei der Betrachtung dieser Leuchter das Wort Kitsch in den Sinn. Aber wo ist die Grenze zwischen Kitsch und Kunst? Mag vielleicht das Motiv als Kitsch abgetan werden, aber die Nachbildung durch den Künstler, der die Form des Gusses hergestellt hatte, war bestimmt Kunst in höchster Vollendung.
In eigenartigem Kontrast zu diesen kleinen Kunstwerken stand in ihrer Mitte eine alte, bräunlich vergilbte Photographie, im einfachen schwarzen Holzrahmen mit ovalem Kartonausschnitt. Sie zeigte einen jungen Soldaten mit mächtigem Schnauzbart. Mit stolz geschwellter Brust, auf einen langen Säbel gestützt, sah er hoheitsvoll dem Betrachter entgegen. Über die linke untere Ecke war ein schmaler Trauerflor gespannt. An der Wand über der Kommode hing ziemlich hoch ein Spiegel im verschnörkelten Rahmen, dessen Goldauflage schon teilweise den weißen Gipsuntergrund und die rote Grundfarbe sehen ließ. Er hing oben an einer dünnen Kette etwas weg von der Wand und dadurch konnte man sich trotz der Höhe, in der er angebrachte war, bequem sehen. Im Rahmen des Spiegels steckte wieder ein Photo des Mannes der in dem Bild auf der Kommode in Uniform abgebildet war. Aber diesmal zeigte ihn das Bild im engen weißen Tennisdress und in ähnlich stolzer Pose. Mit einer Hand stützte er sich auf die Lehne eines Korbsessel, in der anderen hielt er ein
altertümlich großes Tennisracket. Und auch auf diesem Photo der schmale schwarze Trauerflor.
Anschließend an die Kommode stand ein Kasten, der mit seinem wundervoll geschnitzten Aufsatz im reizvollen Gegensatz zu der glatten Oberfläche der Kommode stand. Das Rosenmotiv des Oberteiles war von einer Genauigkeit, wie man sie nur selten bei dieser Art von Kästen sah. Von der Mitte weg wurden diese Rosen immer kleiner und zogen sich auch noch etwas an den seitlichen Kanten des Kastens hinunter. Die beiden oben abgerundeten Türen hatten jeweils oben eine senkrecht stehende große ovale Füllung, darunter eine runde. Der äußere verbleibende Rahmen der Türen trug oberhalb der Füllung das gleiche Rosenmotiv wie das Oberteil des Kastens, nur in flacher Reliefausführung. Rechts oben lugte hinter dem Aufsatz der Teil eines Staubwedels hervor, den die Dame des Hauses anscheinend vor den Augen der sicher nicht sehr häufigen Besucher verbergen hatte wollen. Die dicht geklöppelten Vorhange mit den etwas ausgebleichten grünen Samtseitenteilen, die mit Quastenkordeln zusammengehalten wurden, erweckten irgendwie den Eindruck, als wären sie einzig dazu da, den Mann auf den Photos vor der hellen Jetztzeit da draußen zu beschützen.
Hinter den Vorhängen fast versteckt, tat sich ein kleiner halbrunder Erker auf, der fast zur Gänze angefüllt war mit Blattpflanzen aller Art. Auch hier ein Relikt aus alten Zeiten, die mich ebenfalls an die Wohnung meiner Großmutter erinnerten. Sämtliche Stöcke, die den Pflanzen als Stütze dienten, trugen oben verschiedenfärbige Glaskugeln. Im einzig frei gebliebenen Raum des Erkers stand ein kleines schwarzes Lacktischchen auf gedrechselten Beinen und der dazu passende schwarze Bugholzsessel mit geflochtenem Sitz und Rückenlehne. Auf dem Tischchen eine ovale weiße Spitzendecke und darauf wieder ein wahres Schmuckstück. Eine Schatulle mit nicht ganz geschlossenem Deckel. Der Inhalt ließ die Verwendung als Nähkästchen erkennen. Sicher hatte dieses Prachtstück einst einem anderen Zweck gedient. Auf vier kleinen Alabasterkugeln und vorspringender schwarzer Reliefleiste erhoben sich die in herrlichen Intarsien gearbeiteten Seitenteile des  Kästchens. Zuerst ein Streifen eines auf den Kopf gestellten Schachbrettmusters aus schwarzem Holz und Perlmutt. Dann in hellem und dunklen Holz gearbeitete Intarsien im Rankenmuster, dann die Wiederholung des Schachbrettmusters. Der Deckel war wieder mit derselben Zierleiste, wie der Sockel eingefasst. Das Schachbrettmuster der Seitenteile wiederholte sich im Deckel, nur war es diesmal zur Gänze aus Perlmutt. Bläulich bis schwarz und in reinem Weiß. In der Mitte erhob sich eine ovale und reich geschnitzte Rosette in schwarz und darauf aufgesetzt die verschlungenen Initialen F und G. Sie dürften aus Alabaster, vielleicht sogar aus Elfenbein herausgearbeitet worden sein. Die Schlüssellochabdeckung auf der Vorderseite war die etwas verkleinerte Ausgabe der schwarzen Rosette des Deckels. Ein wirklich einmaliges Stück.
Rechts vom Erker stand ein etwas schäbig wirkendes Piano, auf dem sich nicht sehr ordentlich gestapelte Stöße von vergilbten Notenblättern türmten. Die verschnörkelten Schriften auf den Umschlägen ließen das Alter derselben erkennen. Neben dem Piano standen die drei Geschwister des schwarzen Bugholzsessels im Erker. In der Mitte des Raumes hing ein großer Kristall-Luster, dem man anmerkte, dass er schon einige Jährchen nicht mehr mit Wasser in Berührung gekommen war. Aber trotzdem schillerten die Ketten und unzähligen Anhänger leicht in den Spektralfarben. Das Gewicht des Lusters musste gigantisch sein und fast automatisch blickte ich nach oben zu dem großen Haken inmitten einer reichen Stuckrosette. Darunter stand ein großer runder Tisch, der bis weit hinunter mit einer Spitzendecke mit langen Fransen bedeckt war. Nur ein Teil der gerade noch sichtbaren, verschnörkelten Beine ließ erahnen, welch herrliches Stück darunter versteckt sein musste. Auf dem Tisch stand eine wunderschöne, durchbrochen gearbeitete Obstschale und wenn sie nicht so zerbrechlich gewirkt hätte, hätte ich wahrscheinlich nicht der Versuchung wiederstehen können und hätte die den Tisch verbergende Spitzendecke etwas hochgehoben. Rund um den Tisch standen vier Sessel mit Sitzfläche und Lehne aus geprägtem Leder und schon stark abgescheuerten typischen Jugendstilmotiven.
Rechts hinter der geöffneten Tür fast versteckt, stand das einzige Attribut an die Gegenwart. Ein großer, anscheinend ganz neuer Farbfernseher. Er war so hinter der Türe verborgen, als ob sich die Dame dafür schämte, doch nicht ganz ohne die neuen Errungenschaften der Technik auskommen zu können. Darauf stand die Zimmerantenne und ein Kofferradio, der auch schon fast als Antiquität anzusehen war. Wir hatten einmal denselben zu Hause und er war damals einer der ersten seiner Art. 
Über dem Fernseher hing eine kleine, fast zierlich wirkende schöne Pendeluhr. Mit gedrechselten und zusätzlich noch geschnitzten Seitenteilen der Türe. Die zweigeteilte Front für Ziffernblatt und Pendelfenster war zusätzlich noch mit reichen Messingapplikationen versehen. Das Ziffernblatt selbst war kunstvoll gemalt und auch das Pendelblatt war wunderschön! Reichhaltig ziseliert mit den typischen Blumen- und Rankenmotiven des Jugendstils. Diese Pendeluhr hinter der hohen Türe zu verstecken, war in meinen Augen schon fast ein Vergehen. Ich hätte sie sofort mit einem der beiden fast unansehnlichen Bildern an den beiden anderen Wänden getauscht.
Auch wenn die einzelnen Stücke dieses Zimmers jedem Antiquitätensammler zur Ehre gereicht hätten, die etwas uneinheitliche Einrichtung hätte wahrscheinlich nicht der Kritik eines Innenarchitekten standgehalten. Aber trotzdem oder gerade deshalb übte dieser Raum einen eigenartigen Reiz aus. In seiner Gesamtheit strahlte dieses Zimmer jene Atmosphäre aus, wie sie die heutige Wohnkultur fast gänzlich entbehrt und die man sich sehr oft durch Einzelstücke aus jener Zeit versucht, wieder einzufangen.
Ich war vielleicht 10 Minuten in diesem Raum gewesen und hatte trotzdem das Gefühl, weit länger in der Vergangenheit geweilt zu haben. Eigentlich müsste jeder Mensch zu Hause so einen Raum haben, dachte ich mir, um die Zeit fallweise ein wenig zurückzudrehen und um sich von der schnelllebigen und prunklosen Gegenwart erholen zu können.